French Icon English Icon
PDF Download

Die neun reinigenden Atemzüge

 

Dann führt man die neun Atemzüge zur Reinigung der vitalen Winde und Kanäle durch, die allgemein als das Zähmen oder das Training des Atems bekannt sind, wobei man dreimal durch jedes Nasenloch atmet, während man das andere Nasenloch mit dem Finger schließt. Damit gibt es insgesamt sechs Ausatmungen. In den letzten drei Ausatmungen atmet man durch beide Nasenlöcher. Damit werden die verbrauchte Luft in der Lunge, sowie alle verbleibenden emotionalen Befleckungen oder Verunreinigungen aus dem Körper ausgetrieben, wodurch man sich geläutert und gereinigt fühlt.

 

Im buddhistischen System sind die drei wichtigsten Kanäle Rasana, der auf der rechten Seite ist, Lalana, der auf der linken Seite ist und Avadhuti, der im Zentrum ist. Im Hindu-System werden sie als Pingala, Ida und Sushumna bezeichnet. Der Avadhuti oder Zentral-Kanal wird exakt in der Mitte des Körpers visualisiert, nicht in der Wirbelsäule, sondern vor ihr. Diese psychischen Kanäle (Nadi) sind potentielle Wege für die Bewegungen der psychischen Energie, sie sind subtile Strukturen, nicht grobe physische Anatomie. Daher werden sie durch ihre Visualisierung oder Vorstellung real und unsere vitalen Winde werden durch sie hindurch bewegt. So gibt es sowohl in den Buddhistischen als auch in den Bönpo-Tantras eine Reihe von verschiedenen Systemen zur Visualisierung der drei wichtigsten psychischen Kanäle. Welche Visualisierung der Praktizierende anwendet, hängt davon ab, wie und wo man diese psychischen Energien oder Winde bewegt.

 

Man visualisiert den zentralen Kanal, der sich in der Mitte des Körpers befindet, beginnend am geheimen Zentrum, etwa vier Finger breit unterhalb des Nabels, bis hin zu der Öffnung oder dem Loch an der Spitze des Kopfes, in einer tief azurblauen Farbe wie den hellen, klaren Himmel. Dieser Kanal ist gerade wie der Schaft eines Pfeils und hat den Durchmesser eines Fingers. In der Regel hat dieser zentrale Kanal die vier Merkmale von gerade, glänzend, hohl und in der Farbe Blau.

 

Parallel dazu sind auf beiden Seiten zwei kleinere Kanäle, die wie Strohhalme sind. Der rechte Kanal ist in der Farbe weiß wie Kristall und der linke Kanal ist rot in der Farbe wie von pulverisierten Korallen. Sie symbolisieren die kühle mondartige weiße männliche Energie und die feurige sonnenartige weibliche Energie. In dem Tantra-System symbolisiert der Mond Sperma, das männliche Element, weil es weiß ist und die Sonne symbolisiert Menstruationsblut, das weibliche Element, weil es rot ist. Dies ist ein Gegensatz zu der Symbolik in der westlichen Astrologie. Die beiden seitlichen Kanäle münden an der Kunda oder Verbindungsstelle der drei Kanäle unterhalb des Nabels in den zentralen Kanal und diese Stelle gleicht dem tibetischen Buchstaben CHA.

 

Diese drei Kanäle erstrecken sich nach oben zum physischen Herz und laufen dann über die Wirbelsäule durch den Hals. Bisher liefen sie parallel mit dem Zentral-Kanal. Nun gehen sie in das Innere des Schädels und machen einen Bogen über die Haut des Gehirns. Die beiden seitlichen Kanäle gehen dann zu den Nasenlöchern, wo sie aufhören. Innerhalb des Schädels weitet sich der zentrale Kanal ein bisschen zur Öffnung an der Oberseite des Kopfes, so dass er einem Horn oder einer Blume gleicht. So wird er mit einer blauen Blume namens Gentiana stipitala Edjew., welche im Herbst blüht, verglichen. Der Mund oder das obere Ende des Zentral-Kanals befindet sich an der Öffnung auf dem Scheitel des Schädels. Diese wird als die Brahma-Öffnung bezeichnet.

 

Mit der rechten Hand schließt man das rechte Nasenloch mit dem eigenen Ringfinger und atmet während der Visualisierung, dass man leuchtende grüne Weisheits-Luft in sich aufsaugt, die frische saubere Luft durch das linke Nasenloch und den linken Kanal nachhaltig ein. Man hält den Atem ein wenig an. Dann schließt man das linke Nasenloch mit dem Ringfinger der rechten Hand von unten und öffnet das rechte Nasenloch, wobei man die abgestandene verschmutzte Luft aus dem rechten Nasenloch und dem rechten Kanal bläst. Man visualisiert, wie diese abgestandene Luft als Licht aus bläulich-grauem Rauch, der die verschmutzten Rückstände der negativen Gefühle von Begierde und Anhaftung darstellt, ausgeschieden wird.

 

Daraufhin wechselt man die Nasenlöcher und die Hände und macht genau das Gegenteil. Mit der linken Hand schließt man das linke Nasenloch mit dem eigenen Ringfinger und atmet während der Visualisierung, dass man die leuchtende grüne Weisheits-Luft in sich aufsaugt, die frische saubere Luft durch das rechte Nasenloch und den rechten Kanal ein. Man hält den Atem ein wenig an. Dann schließt man das rechte Nasenloch mit dem Ringfinger der linken Hand von unten und öffnet das linke Nasenloch, wobei man die abgestandene verschmutzte Luft aus dem linken Nasenloch und dem linken Kanal bläst. Man visualisiert, wie diese abgestandene Luft als Licht aus rötlich-grauem Rauch, der die verschmutzten Rückstände der negativen Gefühle von Wut und Eifersucht darstellt, ausgeschieden wird.

 

Dann atmen wir die saubere leuchtende Weisheits-Luft durch beide Nasenlöcher gleichzeitig ein und in der gleichen Zeit, wie uns die verbrauchte verschmutzte Luft verlässt, visualisieren wir sie als schwarz-grauen Rauch, der die Reste der verschmutzten negativen Emotionen von Unwissenheit mit sich führt. Diese negativen Emotionen oder Kleshas sind eigentlich eine Mischung der beiden wichtigsten Leidenschaften, Zorn und Anhaftung und werden durch Unwissenheit, Verwirrung, Unentschlossenheit und Verwirrung ausgedrückt. Man visualisiert, wie einen diese abgestandene Luft durch die Öffnung an der Spitze des Kopfes verlässt.

 

In jedem Fall wird das Einatmen langsam und vorsichtig geschehen, während das Ausblasen der Störungen ein wenig stärker gemacht wird. Der weiße Mond-Kanal, wo sich die Reste von Anhaftungen ansammeln, ist auf der rechten Seite, während der rote Sonnen-Kanal, wo sich die Reste der Wut ansammeln, auf der linken Seite ist.

 

Während wir also dreimal die verbrauchte Luft aus dem weißen lunaren Kanal ausatmen, sollten wir wissen, dass jedes Mal, wenn wir die negative Energie ausstoßen, die folgenden vier Merkmale zugeordnet sind:

 

1. Anhaftung sowie Hindernisse, die in der Regel mit der Vergangenheit verbunden sind;

2. Wind-Krankheiten, das heißt Erkrankungen, die durch den Mangel an Vitalität oder dem Ungleichgewicht in dem Vayu oder dem Wind-Körpersaft entstehen;

3. die Farbe vom blau-grauem Rauch und

4. Störungen von männlichen Geistern.

 

Als nächstes, während wir dreimal die verbrauchte Luft aus dem roten Solar-Kanal auf der linken Seite ausatmen, sollten wir wissen, dass jedes Mal, wenn wir die negative Energie ausstoßen, dieser auch vier Merkmale zugeordnet sind:

 

1. Zorn sowie Hindernisse im Zusammenhang mit der Zukunft;

2. Erkrankungen, die durch ein Ungleichgewicht in dem Pitta oder dem Galle-Körpersaft entstehen;

3. die Farbe von rot-grauem Rauch und

4. Störungen von weiblichen Geistern.

 

Schließlich atmet man dreimal durch beide Nasenlöcher ein und aus. Hier geht die frische Weisheits-Luft in den Zentral-Kanal und die verbrauchte Luft wird mit Nachdruck von der Spitze des Kopfes (eigentlich beide Nasenlöcher) ausgetrieben. Diese negative Energie der Verwirrung hat auch vier Merkmale:

 

1. Unwissenheit oder Verwirrung sowie Hindernisse im Zusammenhang mit der Gegenwart;

2. Erkrankungen, die durch ein Ungleichgewicht im Kapha oder dem Schleim-Körpersaft entstehen;

3. die Farbe vom schwarz-grauem Rauch und

4. Störungen durch die Nagas oder unterirdische Geister.