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Die vier Phasen der Guru-Yoga-Praxis

Der Prozess der neun Atemzüge stellt die Grundreinigung dar. Die wichtigste Praxis von dem Guru-Yoga wird im Hinblick auf die vier folgenden Phasen beschrieben:

 

1. die Visualisierung von der Gegenwart des Gurus im Himmel vor uns selbst und das Rezitieren der Anrufung,

2. das Empfangen der Reinigung von dem Guru mittels der Weisheits-Nektare,

3. das Empfangen von den Segnungen des Gurus mittels der Ermächtigungen von den drei Lichtern und

4. die Rezitationen von Gebeten und Mantras.

 

 

Phase Eins: Die Visualisierung des Gurus

Beim Intonieren der Keimsilbe A visualisiert der Praktizierende den Guru Tapihritsa im Raum oberhalb im Raum vor sich.

 

In diesem Fall ist Tapihritsa transparent oder transluzent, sein Körper ist klar und leer wie ein Regenbogen, weil er die Untrennbarkeit von Klarheit und Leerheit darstellt. Er ist reinweiß wie ein Quarzkristall, weil er gründlich von allen Verdunkelungen und Befleckungen gereinigt wurde. Er ist ganz nackt und schmucklos, weil er völlig frei von allen diskursiven Gedanken und Operationen des Geistes in Bezug auf den Denkprozess ist. Und er wird sitzend in friedlicher Betrachtung inmitten einer im Himmel schwebenden Regenbogen-Lichtkugel visualisiert, weil er bereits den Lichtkörper von dem Großen Übergang erreicht hat. Dies deutet darauf hin, dass seine Natur Weisheit, Ursprüngliches Gewahrsein oder die Gnosis ist. Aber man sollte ihn nicht als flachen und zweidimensionalen Aspekt wie ein Gemälde an der Wand visualisieren, sondern als dreidimensional, durchscheinend und immateriell wie einen Regenbogen, der am Himmel erscheint. Man sollte fühlen, dass er noch am Leben und tatsächlich vorhanden ist, im Raum vor dem Praktizierenden sitzend und auf diesen mit Mitgefühl und liebender Güte blickend. Daher ist dies eine sehr persönliche Begegnung.

 

Darüber hinaus sollte man denken, dass diese leuchtende Figur von Tapihritsa, die Vereinigung aller Gurus, Meistern und allen Linien für die Übermittlung von dem Dzogchen, das man in diesem Leben und in allen früheren Leben erhalten hat, verkörpert. Man betet inbrünstig mit herzlicher Hingabe zu diesem Meister, als ob er tatsächlich vorhanden ist, richtet Darbringungen an ihn, einschließlich einer Ganachakra-Puja, ob diese Angebote tatsächlich vorhanden sind oder nur in der Phantasie visualisiert werden. Schließlich bittet man für die Segnungen der Ermächtigungen von Körper, Rede und Geist des Gurus.

 

Nachdem man den Guru deutlich auf diese Weise visualisiert und seinen Geist auf ihn gerichtet hat, rezitiert man oftmals oder zumindest dreimal die folgenden Anrufung:

 

CHI TSUK DE WA CHEN PO PHO DRANG DU,
DRIN CHAN TSA WE LA MA LA SOL WA DEB,
SANG GYE SEM SU TÖN PA RIN PO CHE,
RANG NGO RANG GI SHE PAR DSCHIN GYI LOB.

 

Im Palast der großen Glückseligkeit auf der Krone von meinem Kopf,
Ist mein wohlwollender Wurzelguru, zu dem ich bete;
Der Buddha ist mein eigener Geist: Oh kostbarer Lehrer,
Bitte erteile den Segen, dass ich meine eigene Natur erkenne!

 

Darüber hinaus gibt es weitere Gebete der Anrufung, die für diesen Zweck verwendet werden können.

 

EMAHO!
KU SUM DON DAN LA MA KA DRIN CHAN,
KHYED KYI THUG-JE JYIN LAB CHI TA-WA,
DAG GI GYUD LA NYUR DU TSAL DU SOL!

 

CHYI NANG SANG WE BAR CHAD KUN ZHI NE,
RANG SEM KUN ZANG NYUR DU DRUB GYUR CHIK!
LA ME JYIN LAB SEM LA JUG PAR SHOK!
LA ME JYIN LAB SEM LA JUG PAR SHOK!
LA ME JYIN LAB SEM LA JUG PAR SHOK!

 

Emaho! (Wie wunderbar!)
Oh mein gütiger Meister, welcher die Natur von dem Trikaya besitzt,
Möge dein Mitgefühl und dein Segen vorhanden sein,
Bitte schenke diese schnell für meinen Geistes-Strom!

 

Und nachdem alle äußeren, inneren und geheimen Hindernisse befriedet sind,
Möge ich schnell meinen eigenen Geist als Kuntu Zangpo verwirklichen!
Möge der Segen des Meisters in meinen Geist eingehen!
Möge der Segen des Meisters in meinen Geist eingehen!
Möge der Segen des Meisters in meinen Geist eingehen!

 

Und das zweite Gebet ist wie folgt:

 

EMAHO!
DU SUM SANG GYE MA LU JYUNG WE NE,
BYIN LAB TÖN PA KUN TU ZANG PO ZHE,
TSA-WE LA ME ZHAB LA SOL WA DEB,
RANG RIG YE SHE CHAR WAR GYIN GYI LOB.

 

Emaho! (Wie wunderbar!)
Die Segnungen von demjenigen, der als der Lehrer Kuntu Zangpo bekannt ist,
Sind die ultimative Quelle aller Buddhas der drei Zeiten.
Ich bete zu den Füßen meines Wurzelgurus, mir den Segen zu schenken,
Welcher durch die Ursprüngliche Wahrnehmung des Selbst-Gewahrseins in mir entstehen kann.

 

 

Phase Zwei: Die Reinigung mit den Weisheits-Nektaren

Als Reaktion auf unsere Haltung der leidenschaftlichen Hingabe und des vorbehaltlosen Sich-Öffnens zu ihm, visualisiert man, dass Strahlen von leuchtendem weißem Licht aus dem Herz-Zentrum von Guru Tapihritsa ausgehen, die sich spontan in Ströme von dem leuchtend weißen Nektar der Weisheit verwandeln. Dieser strömt durch die Öffnung am Scheitel des eigenen Kopfes und steigt durch den zentralen Kanal ab, bis er den gesamten Körper füllt. Dieser leuchtend weiße Nektar repräsentiert die Weisheit des Gurus und wäscht und reinigt alle unsere Sünden und Verdunkelungen, einschließlich aller emotionalen Befleckungen und karmischen Spuren, geerbt aus der uralten Vergangenheit. Unser Körper wird dadurch völlig gereinigt und geläutert, so dass unser ganzes Wesen in ein geeignetes Gefäß umgewandelt wird, rein wie eine mit Licht gefüllte Kristall-Vase, vorbereitet für den Empfang von den Segnungen und Einweihungen, die der Meister schenkt.

 

 

Phase Drei: Der Empfang der Ermächtigungen

Am Ende dieses Prozesses der Reinigung ist der Praktizierende jetzt gut geeignet, um die Einweihungen und die Übertragungen der Dzogchen-Regeln zu erhalten. Wir intonieren die Silben AH, OM und HUNG, welche die Dimensionen von Körper, Geist und Rede des Individuums bedeuten. Auch als Reaktion auf unsere Kultivierung des intensiven Glaubens und der Hingabe, erscheinen diese Silben, in Form von leuchtenden tibetischen Buchstaben dann spontan an den drei geheimen Orten oder den drei geheimen Toren auf der Oberfläche des Körpers des Gurus, das heißt, auf seiner Stirn, an seinem Hals und an seinem Herzen.

 

Daraufhin gehen Strahlen des Lichtes in ihren jeweiligen Farben von diesen Silben aus und berühren die drei entsprechenden Orte auf der Oberfläche des eigenen Körpers, wo diese Lichter und ihre Energie absorbiert werden. Auf diese Weise erhält und vereinigt man sich mit dem Wissen und der Weisheit von dem Körper, der Rede und dem Geist des Gurus.

 

Insbesondere aus der weißen Silbe A an der Stirn des Gurus kommt ein strahlend weißer Lichtstrahl, der in das eigene Stirn-Zentrum gelangt. So werden alle Sünden und Verdunkelungen unseres Körpers gereinigt und man erhält die Ermächtigung und die spirituellen Errungenschaften (oder Siddhis) von dem Körper des Gurus. Man ist nun ermächtigt, die Kyerim oder die Visualisierung, die Praxis der Umwandlung zu machen, und dies führt dazu, dass man schließlich den Nirmanakaya oder die körperliche Manifestation der Erleuchtung verwirklichen kann.

 

Von der roten Silbe OM an der Kehle des Gurus kommt ein leuchtend roter Lichtstrahl, der unser eigenes Kehl-Zentrum betritt. So werden alle Sünden und Verdunkelungen der Rede gereinigt und man erhält die Ermächtigung und die geistigen Errungenschaften von der Rede des Gurus. Man ist nun ermächtigt, das Tsa Lung oder die Rezitationen und die Atemübungen (Pranayama) zu machen und dies führt dazu, dass man schließlich den Sambhogakaya oder den energetischen Aspekt der Erleuchtung verwirklichen kann.

 

Von der blauen Silbe HUNG im Herzen von dem Guru kommt ein strahlend blauer Lichtstrahl, der unser eigenes Herz-Zentrum betritt. So werden alle Sünden und Verdunkelungen des Geistes gereinigt und man erhält die Ermächtigung und die spirituellen Errungenschaften von dem Geist des Gurus. Man ist nun ermächtigt, das Dzogrim oder die internen Yogaübungen für das Erkennen der Untrennbarkeit von Glückseligkeit und Leerheit zu machen und das führt dazu, dass man schließlich den Dharmakaya oder den ultimativen Aspekt des Geistes der Erleuchtung verwirklichen kann.

 

Jedes dieser Lichter löst sich auf und wird von den Standorten oder Zentren unseres eigenen Wesens aufgenommen, wie das Gießen von Wasser in Wasser, so dass der Körper, die Rede und der Geist des Gurus mit dem Körper, der Rede und dem Geist von uns verschmelzen. Auf diese Weise wird der Übende sowohl gereinigt als auch ermächtigt, den Zugang, die Energien und die Kapazitäten von dem Körper, der Rede und den Geist des Gurus in sich selbst aufzunehmen. Diese Einweihung und Ermächtigung hat ihren Höhepunkt beim Prozess der Visualisierung des Gurus. Dieser verbindet den Praktizierenden mit all den Meistern in den Linien der Dzogchen-Lehren und wenn diese Guru-Yoga-Übung wiederholt wird, hilft dies, diese Verbindung oder diese spirituelle Verbindung aufrecht zu erhalten.

 

 

Phase Vier: Das Rezitieren von Gebeten

An diesem Punkt, nach dem Erhalt der Einweihungen und Segnungen des Gurus, kann man «Die Anrufung von Tapihritsa» machen, die im nächsten Abschnitt übersetzt ist. Man kann diese einmal oder so oft wie man will rezitieren, während man eine Haltung des Glaubens, der Hingabe und der Sehnsucht nach Befreiung und Erleuchtung einnimmt.

 

Wie wir gesagt haben, entwickelt der Praktizierende in der Gegenwart des Meisters eine persönliche Beziehung mit ihm und kultiviert bewusst intensive Gefühle des Glaubens, des Vertrauens und der glühenden Hingabe. Man gibt sich diesem vollkommenen Meister vorbehaltlos hin und öffnet sich ganz, wie ein kleines Kind sich vor seinen liebenden Eltern öffnet. Man betet mit intensivem Glauben und intensiver Hingabe an die Form des Gurus, der zur gleichen Zeit im Wesentlichen mit dem eigenen Wurzel-Guru identisch ist und ersucht ihn darum, die Segnungen, die Ermächtigungen und die Übertragungen zu empfangen, so dass man üben und zu einem echten Verständnis der wahren Bedeutung des Dzogchen kommen kann. In der Tat ist das Guru-Yoga das wirksamste Mittel zur Erhaltung und Verbesserung der Übertragungen, die man vorher erhalten hat. So ist das Guru-Yoga nicht etwas, das nur einmal am Anfang wie ein Einweihungs-Ritual gemacht wird, sondern eine Meditationspraxis, die wiederholt durchgeführt wird, mindestens einmal am Tag oder sogar zu Beginn von jeder Sitzung der Praxis.

 

Am Ende der Rezitationen, löst sich die Vision des Gurus am Himmel in eine Masse von Licht auf. Dieses Licht kommt zu den Praktizierenden und geht in diese hinein. Dieser Moment der Vereinigung stellt das echte Guru-Yoga, eine wahre unio mystica oder mystische Vereinigung, dar. Darüber hinaus gibt diese Visualisierung eine kurze Zusammenfassung und wiederholt die ursprüngliche mystische Vision und die ekstatischen Erfahrungen von dem Mahasiddha Gyerpungpa in Zhang-Zhung aus längst vergangener Zeit. Auf diese Weise gelangt man und bleibt man in der Linie der Übertragung im Zustand des heiligen Überschreitens von Raum und Zeit.