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Die Praxis der Meditation über die Vergänglichkeit

Zweitens gibt es die Meditation über die Vergänglichkeit des Lebens. In diesem Abschnitt ist auch die Erklärung, die den Praktizierenden durch Ermahnungen im herkömmlichen Sinn motiviert. Der herkömmliche Sinn akzeptiert die Phänomene, wie sie in der allgemeinen Realität erscheinen, als scheinbar wahre und beständige Einheiten. Dies steht im Gegensatz zu dem bestimmten Sinn, bei dem die Phänomene als leer, ohne jegliche innere Existenz und ohne eigentliche Entstehung verstanden werden. Der Zweck ist hier nicht, ein Gefühl von tiefer Depression und Hoffnungslosigkeit in Bezug auf das eigene Leben aufzubringen, sondern dass man sich der Tatsache der Vergänglichkeit aller Dinge, einschließlich des eigenen physischen Körpers, sehr bewusst ist. Und wenn der menschliche Körper vergänglich ist, um wie viel mehr ist dies dann der Geist oder der Gedanken-Prozess, welcher sich von Moment zu Moment verändert.

 

Die Kenntnis und das Meditieren auf die Vergänglichkeit aller Dinge und die Unausweichlichkeit des eigenen Todes, dient dazu, in dem Praktizierenden ein intensives Gefühl der Enttäuschung und des Ekels vor der Verfolgung des weltlichen Lebens mit seinen unvermeidlichen Frustrationen, Enttäuschungen und flüchtigen Zielen, die wie Sand durch die Finger rieseln, zu produzieren. Aufgrund dieses Ekels, entwickelt und pflegt man eine innere Motivation, die Dzogchen-Lehren zu üben, um die Befreiung von den Frustrationen und den Leiden zu erhalten, die man bei der Teilnahme an der zyklischen Existenz erfährt, wo man unter der Herrschaft der Zeit, Veränderungen und den unvermeidlichen Verfall akzeptieren muss.

 

Wieder nimmt man die fünffache Meditations-Position des Körpers ein. Dann sollte man über die eigene existenzielle Situation in der Welt nachdenken. Man sollte über die Tatsache nachdenken, dass alle bedingten Dinge vergänglich sind. Was auch immer man gemacht oder erstellt hat, wird schließlich zerfallen. Was immer man spart, wird man schließlich verlieren. Nichts ist ewig, weil alle Dinge von Ursachen bedingt sind. Beim Erstellen einer Untersuchung von allem, wird man feststellen, dass alle Dinge vergänglich sind, einschließlich des eigenen physischen Körpers. Es ist ein Irrglaube zu denken, dass man weiter und weiter lebt, ohne zu sterben.

 

Obwohl man die Stunde des eigenen Todes nicht kennt, ist es sicher, dass man schließlich sterben wird. Daher sollte man die Praxis nicht auf morgen verschieben, denn der Herr des Todes kann jederzeit eingreifen. Man muss jetzt entscheiden, was ist wirklich wichtig und nützlich ist und was nur störend und überflüssig ist. Man wird nicht in der Lage sein, seine Besitztümer in den Bardo mitzunehmen, wenn man stirbt. Vor diesem jetzigen Leben ist man ohne Sinn im Laufe der unzähligen Tode und Wiedergeburten in Samsara gewandert. Aber man hat weder Glück noch Zufriedenheit gefunden. Krankheit, Leiden, Frustration und Angst wurden überall in diesen früheren Leben erlebt. In jedem davon wurde man geboren und ist alt geworden, erkrankte und starb. Was dann? Man wird nur wiedergeboren, um einmal mehr zu sterben. Also, wie kann man denken, dass das gegenwärtige Leben ewig dauern wird?

 

Man sollte bedenken, wie viele andere vor der eigenen Zeit gestorben sind und nicht mehr sichtbar sind. Sie waren einst, so wie wir jetzt, lebendig und voller Leben, aber jetzt sind sie alle weg. Man sollte über diese Tatsache aufmerksam nachdenken. Man wurde vom weltlichen Leben angezogen, als ob es etwas Bleibendes wäre. Darüber hinaus sollte man all diese anderen, die in Armut und Elend gefallen sind, nachdem sie einst großen Reichtum und Macht genossen haben, betrachten. Man sollte darauf achten, wie Freunde Feinde geworden und wie Feinde Freunde geworden sind.

 

Alles ändert sich von Moment zu Moment, nichts bleibt gleich. Deshalb gibt es, außer der Zuflucht, nichts in dieser Welt, dem man ganz vertrauen kann. Daher sollte man an den Dingen des irdischen Lebens nicht anhaften und sich auf sie verlassen. Nur beobachten, wie sich die Jahreszeiten ständig ändern. Auch unser eigenes Leben hat sich von der Geburt bis zu der Kindheit, der Jugend und bis jetzt zum Erwachsenenalter hin verändert. Dem mittleren Alter folgen das Alter, die Krankheit und schließlich der Tod. Obwohl man nicht weiß, wie und wann man sterben wird, ist unser Tod sicher. Man kann den Tod mit Medikamenten und Krankenhaus-Technologien verschieben, aber es gibt kein Entkommen daraus. Alle Lebewesen, die in der Vergangenheit geboren wurden, sind schließlich gestorben. Von Anfang an bis heute gab es keine Lebewesen, die nicht gestorben sind. Selbst die Buddhas und die großen Heiligen sind vergangen. Man sollte hierüber gut nachdenken.

 

Und beim nächsten Mal ist es nicht einmal sicher, dass man als Mensch wiedergeboren wird, oder ob man als Tier oder als ruheloser Geist wiedergeboren werden könnte. Aber eine menschliche Existenz ist viel besser als die anderen Möglichkeiten der Wiedergeburt, da sie die maximale Chance für die Praxis der spirituellen Lehren bietet.

 

Daher sollte man diese einmalige Gelegenheit nicht verschwenden und die Praxis auf morgen oder in eines der nächsten Leben verschieben. Dieser kostbare menschlichen Körper oder menschlichen Existenz stellt eine einzigartige Gelegenheit für den Eintritt auf dem spirituellen Pfad dar, um letztendlich die Befreiung und die Erleuchtung zu erreichen. Durch den Besitz von bestimmten einzigartigen Qualitäten, ist daher eine menschliche Existenz vorteilhafter und förderlicher für den Prozess der Erleuchtung, als andere Arten der Existenz, auch unter den Devas und den Asuras.

 

Diese Haltung ist eindeutig in einem Vers zitiert. Dieser ist wie folgt:

 

Die acht Chancen und die zehn Werte besitzen achtzehn tugendhafte Qualitäten;
Durch zahlreiche Beispiele sollte man die Schwierigkeiten bei der Erlangung von diesen, intensiv untersuchen;
Nun, in Bezug auf die Nützlichkeit dieser wertvollen Unterstützung, die der menschliche Körper ist,
Sollte man mit Eifer die Taten im Hinblick auf die vollkommene Tugend produzieren!

 

Die acht Chancen auf eine kostbare menschliche Existenz ergeben sich wie folgt:

 

1. dass man nicht unter den Bewohnern der Höllen wiedergeboren wird,
2. dass man nicht unter den Pretas oder hungrigen Geistern wiedergeboren wird,
3. dass man nicht wie ein Tier, dem die artikulierte Sprache fehlt, wiedergeboren wird,
4. dass man nicht bei den langlebigen Göttern, die mit Trägheit behaftet sind, wiedergeboren wird,
5. dass man nicht bei den Barbaren in einem Grenzland wiedergeboren wird,
6. dass man nicht unter den Tirthikas, die falsche Ansichten haben, wiedergeboren wird,
7. dass man nicht in einem Zeitalter, in dem keine Buddhas erscheinen werden, wiedergeboren wird und
8. dass man nicht schwachsinnig oder mit defekten Fähigkeiten wiedergeboren wird.

 

Unter den zehn Werten ergeben sich die ersten fünf Werte aufgrund von:

 

1. dass man als menschliches Wesen wiedergeboren wird,
2. dass man in einem zentralen Land, in dem der Dharma gelehrt wird, wiedergeboren wird,
3. dass man mit allen intakten Fähigkeiten wiedergeboren wird,
4. dass man sich nicht in extremen Taten oder einem Lebensstil in Konflikt mit dem Dharma engagiert und
5. dass man einen Glauben an den Dharma besitzt.

 

Dann gibt es fünf Werte aufgrund eines anderen (der Buddha und die Lehrer):

 

1. dass ein Buddha erschienen ist,
2. dass er den Dharma gelehrt hat,
3. dass seine Lehre eine kontinuierliche Existenz bis in die Gegenwart hat,
4. dass man in diese Lehre von dem Dharma eingetreten ist, und
5. dass man gute spirituelle Freunde trifft, welche die Lehrer sind.

 

Im Praxis-Handbuch werden in der Regel drei Stufen für die Meditationen über die Vergänglichkeit des Lebens dargestellt:

 

I. Die Übungen, wo man seine Umwelt im Prozess des Zerfalls visualisiert. Dadurch denkt man an die Vergänglichkeit aller bedingten Dinge.

 

II. Die Übungen, wo man zuerst visualisiert, dass man alle Arten von Reichtum und weltlichen Erfolg erreicht und dann alles wieder verliert, wenn man erfährt, dass man sterben muss und so weiter. Dadurch denkt man an die Vergeblichkeit von allem weltlichen Status und Erfolg.

 

III. Die Übungen, wo man den eigenen Tod und den Zerfall der Elemente des eigenen Körpers visualisiert. Dadurch denkt man an die eigene körperliche Sterblichkeit.

 

Insbesondere gibt es neun Übungen, bei denen man visualisiert und über die Bedeutung der Vergänglichkeit in konkreten, auf Erfahrung beruhenden, Begriffen nachdenkt:

 

1. Die Meditation über den unvermeidlichen Verlust von Reichtum, Macht und Erfolg;
2. Die Meditation über Krankheit und den unvermeidlichen Verfall des menschlichen Körpers;
3. Die Meditation über das Erscheinen des eigenen Todes;
4. Die Meditation über den Prozess des Sterbens und das Eingehen in den Bardo;
5. Die Meditation über die Wanderschaft in einem verwüsteten Land;
6. Die Meditation über den Tod von anderen in der Vergangenheit;
7. Die Meditation darauf, wie sich die Bedingungen zwangsläufig mit der Zeit ändern;
8. Die Meditation über den unaufhörlichen Fluss der Zeit und
9. Die Meditation über die Unausweichlichkeit des eigenen Todes.

 

Im Hinblick auf die Nach-Tod-Erfahrung, sind dies sowohl die Visionen, die im Bardo entstehen, ähnlich wie die Visionen, die jede Nacht im Traum Zustand erlebt werden, als auch die weltlichen Halluzinationen, die in der Reiz-überfluteten Entbehrungen in der Erfahrung des Dunkel-Rückzugs erscheinen.

 

Diese Visionen sind unrein, das heißt, sie sind sowohl durch unser Karma aus der Vergangenheit als auch durch die jüngsten Umstände bedingt. Sowohl die Traum-Praxis als auch der Dunkel-Rückzug dienen als Vorbereitungen für die Erfahrungen des Bardos nach dem Tod.

 

In Bezug auf die Meditation der Wanderschaft in einem kargen verwüsteten Land, findet man, obwohl Erinnerungen der eigenen Vergangenheit überall im Geist fortbestehen, doch keinen möglichen Grund, um irgendetwas zu tun. Dies ist eine visionäre Beschreibung einer tiefen Depression und des gesamten Elends, wo man ziellos, ohne Sinn und Zweck, durch ein karges und unbekanntes Land wandert, nackt und ohne Begleiter. Für manche Menschen kann es dazu kommen, dass dies im Bardo erlebt wird. Es ist aber auch ein Zustand der Landschaften, ähnlich zu denjenigen, die in der Dimension der Existenz der hungrigen Geister gefunden werden. In jedem Fall ergeben sich alle Äußerlichkeiten als Illusionen und so müssen alle Verstrickungen mit den Anhaftungen zu deren Realität abgeschnitten werden.

 

Diese weltlichen Erscheinungen werden im Bardo in unserem Bewusstsein nach dem, was uns in unserem früheren Leben vertraut und was für uns gewöhnlich war, entstehen, wie Träume, die in der Nacht oft die Erfahrungen des Vortages spiegeln.