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Die Praxis der Darbringung des eigenen Körpers (Chöd)

Die nächste Praxis unter den Vorbereitenden Übungen ist die Darbringung des eigenen physischen Körpers, welcher das innere Mandala präsentiert, eine Praxis, die als «die Darbringung von dem Körper», bekannt ist. Häufiger ist dieses Verfahren als Chöd bekannt. Das tibetische Wort gcod bedeutet «Abschneiden» und was abgetrennt oder hier abgeschnitten wird, ist die Bindung an das eigene Ego, symbolisiert durch den physischen Körper. Alle Lebewesen hängen sehr an ihrem Körper, aber diese Praxis von dem Chöd dient dazu, eine solche Anhaftung zu beseitigen. Chöd hat eine zweifache Funktion: nicht nur, dass es die Anhaftung an dem Ich und dem Körper beseitigt, es dient auch als Mittel, um Großzügigkeit zu kultivieren. Man gibt den Anderen das, was den höchsten Wert hat, nämlich das eigene Leben und den materiellen Körper.

 

Dies dient als Mittel zur Rückzahlung unserer karmischen Schulden aus vergangenen Leben in verschiedenen Dimensionen der Existenz, die im Hinblick auf die verschiedenen Klassen von Wesen, angesammelt wurden. Darüber hinaus ist es von großem Nutzen als eine Vorbereitung auf den Tod, wenn sich das Bewusstsein und der Körper schließlich trennen, weil man dann, wenn man das Chöd praktiziert hat, man weder Angst vor dem Tod erleben wird, noch die Anhaftung an den Körper haben wird. Chöd bringt uns individuell mit dem zusammen, was ein Lebewesen am meisten fürchtet, die Ur-Angst vor dem Tod, wo man getötet wird und als Nahrung von einem anderen Wesen verschlungen wird, welches das Gesicht von einem heftigen Raubtier hat. Leben und Tod, fressen und gefressen werden, sind zwangsläufig ein Teil von Samsara. Unser Sinn für das Ego, die Identität und den persönlichen Wert sind sehr mit unserem physischen Körper, unserer Gesundheit und unserem angenehmen und attraktiven Aussehen verbunden. Das Gefühl von 'ich' und 'mein Körper' sind ein und dasselbe, das Individuum ist übermäßig mit ihm verbunden. Doch die Erfahrungen des Chöd werden einem etwas anderes lehren.

 

Die Praxis von dem Chöd ist sehr populär in Tibet, sowohl in den buddhistischen als auch in den Bönpo-Traditionen, aber hier ist es nicht nur eine Frage der Unterwerfung der Geister in der Wüste, obwohl Chöd-Praktizierende für ihre Fähigkeit, die bösen Geister, die Plagen und Infektionskrankheiten verursachen, auszutreiben, bekannt sind. Chöd ist als eine spirituelle Übung viel wichtiger. Dieser Abschnitt hier im Text ist auch als die Erklärung für die Ansammlung von Verdienst durch das Mittel der Darbringung bekannt.

 

Auch hier nimmt man die Fünffache Position der Meditation ein und führt die neun Atemzüge der Reinigung durch. Dann ist hier eine vereinfachte Version der etwas aufwendigeren Chöd-Praxis beschrieben. Die Praxis ist in fünf Phasen aufgeteilt:

 

1. Die Visualisierung des Baumes der Versammlung;
2. Die Einladung an die vier Gäste, das Fest zu besuchen;
3. Unser Bewusstsein, das aus einem Loch in der Brust unserer Leiche austritt und die Form einer Krodha oder einer zornvollen Gottheit annimmt;
4. Das Stapeln unserer Leiche durch diese Gottheit und die Herstellung von einem Kessel aus unserem Schädel, in dem unser Fleisch gekocht wird, und
5. Die Umwandlung dieser Gottheit in die Opfergöttinnen, die das Mahl an die vier Gäste verteilen.

 

 

Durchführung

Im Himmel vor sich selbst, erzeugt man mittels der Visualisierung von den Objekten der Zuflucht, bestehend aus den drei Juwelen und den drei Wurzeln, den Baum der Versammlung mit Shenla Ökar in seiner Mitte, sowie die herrlichen Schützer oder die Palden, welches die Schutzgeister der Lehre sind, insbesondere die zweiundsiebzig Palden, die von der Sonne, dem Mond und den Sternen kommen, zusammen mit den acht Klassen von Geistern und allen Wesen, die zu den sechs Bereichen der Wiedergeburt gehören, von denen alle die Atmosphäre in einer Anzahl, unvorstellbar für den Verstand, füllen.

 

Diese bilden die Vier Gäste, die für das Fest eingeladen werden, das wie beschrieben vorbereitet wird. Diese vier Gäste werden üblicherweise wie folgt aufgelistet:

 

1. die Drei Juwelen und die drei Wurzeln, welches die Objekte der Zuflucht sind;
2. die Schützer, welche die Lehren schützen;
3. die acht Klassen der weltlichen Geister und
4. alle Wesen der sechs Schicksale der Wiedergeburt, vor allem diejenigen, denen man karmischen Schulden aus einem früheren Leben verdankt.

 

Diese Gäste nehmen alle an dem Fest teil und werden in dem Raum vor uns selbst visualisiert.

 

Man visualisiert sich als Leiche, auf dem Rücken ausgebreitet am Boden. Man schaut darauf, als ob dies gerade im Kino gezeigt wird. Dann platzt in ihrer Brust plötzlich ein großes Loch der Weisheit auf, woraufhin das eigene Bewusstsein in diesem Hohlraum als ein winziger Bereich des Lichts sichtbar wird.

 

Mit dem plötzlichen Ertönen der Silbe PHAT! wird dieses Bewusstsein als eine kleine Lichtkugel ausgestoßen. Es kommt heraus wie ein strahlender Funke, verstreut aus dem Herzen eines Feuers. Dieser Funke löst sich in Licht auf und wird sofort in eine männliche oder weibliche Krodha oder zornvolle Gottheit der Weisheit oder Gnosis umgewandelt, wie im Text beschrieben. Mit dem Schwert in der Hand, schneidet diese die vier Gliedmaßen unserer Leiche ab und setzt diese auf die Erde, errichtet sie als stehende Feuerstelle zum Kochen.

 

Dann wird der obere Teil unseres Schädels abgeschnitten und dieser auf die vier Stützen gelegt, welche unsere Gliedmaßen sind. Dieser Schädel-Kessel oder Kochtopf wird jetzt so groß und umfangreich wie das Universum selbst. Den Leichnam schlachtend, wirft die zornvolle Gottheit methodisch alle Teile unseres eigenen Körpers in den Kessel, so dass er bis zum Überlaufen gefüllt wird. Diese Stücke des eigenen Fleisches werden sofort vermehrt, um zu einer großen Vielzahl von Speiseopfern zu werden. All dieses Fleisch und Blut wird über dem Feuer gekocht, bis diese Masse in Amrita oder Weisheits-Nektar umgewandelt wird, welcher ein herrliches Aroma besitzt.

 

Daraufhin verwandelt sich die zornvolle Gottheit in unzählige schöne junge Göttinnen oder Puja-Devas, die für alle Gäste Puja-Darbringungen präsentieren. Sie schöpfen den Nektar mit den Schädel-Schalen aus dem Kessel und bewahren diesen in Opferschalen auf. Diesen herrlichen Nektar der Weisheit bringen sie zunächst, wie Schäfchen-Wolken von reinen Puja-Opfergaben, den Götter der Weisheit dar, das heißt, den Drei Juwelen und den drei Wurzeln, die den Himmel füllen und zu der ersten eingeladenen Gruppe von Gästen des Festes gehören. Diese sind alle sehr glücklich und gründlich mit diesen Darbringungen zufrieden. Durch diesen unparteiischen Akt der Großzügigkeit sammelt man einen riesigen Vorrat an verdienstvollem Karma an. Und dadurch, dass wir die Gäste erfreut haben, erhalten wir dann die Segnungen von allen Buddhas und von den Gurus der Linien.

 

Da die Flüssigkeiten des eigenen Körpers in ein Meer von Amrita-Nektar verwandelt worden sind, besänftigt und erfreut dieser die reinen Rassen der Palden oder der glorreichen Schützern, welches die Wächter der Lehren sind und die zweite Gruppe der eingeladenen Gäste darstellen. Mit den eingedickten Sedimenten, die sich weiterhin in verschiedene Arten von schönen und sinnlichen Qualitäten verwandeln, werden die acht Klassen, die zu der dritten Gruppe der eingeladenen Gäste gehören und alle Wesen, die zu den sechs Bereichen der vierten Gruppe gehören, auch zufriedengestellt.

 

Zusammenfassend werden die nahrhaften und hervorragend schmeckenden Nektare den erleuchteten Wesen serviert, die Säfte und Körperflüssigkeiten werden den Palden oder den Schützern dargebracht und die Sedimente und die Reste werden den acht Klassen von Geistern und den Bewohnern der sechs Bereiche serviert. Durch die Darbringung von dem, was man am meisten schätzt, das heißt, der eigene physische Körper, zu den Buddhas und den anderen erleuchteten Wesen, sowie zu den Schützern, sammelt man viel verdienstvolles Karma, durch diesen Akt der höchsten Großzügigkeit und der Selbstaufopferung, an. Dies ist im Hinblick auf die höheren Gäste, die zu dem Fest eingeladen wurden.

 

Aber auch die launischen und bösartigen Geister der weltlichen Götter und Dämonen werden befriedet. Die Wünsche der Wesen, die zu den sechs Bereichen der Wiedergeburt gehören, werden gleichermaßen zufrieden gestellt. In dieser Weise werden sowohl die höheren Gäste als auch die unteren Gäste rundum zufrieden und begeistert. Darüber hinaus hat man die Ursachen für Krankheit und Leid aus negativen Provokationen dieser acht Klassen von weltlichen Geistern gereinigt. Durch die Darbringung von dem eigenen materiellen Körper als Nahrung für die acht Klassen, entfernt man diesen die Energie für ihre negative Provokationen und damit kommen diese nicht mehr dazu, unsere Meditationspraxis zu stören oder das eigene Leben und Glück zu stören. Vielmehr werden diese Geister freundlich und unterstützend, wirken sogar als Freunde.

 

Es gibt verschiedene Listen dieser nicht-menschlichen weltlichen Geister, welche durch die Landschaften jagen, aber in der Regel sind dies die Lha oder die Götter in weißer Farbe, entsprechend den indischen Devas; die Lu, grün oder blau in der Farbe, entsprechen den indischen Nagas; die Dud sind in der Farbe schwarz und entsprechen den indischen Maras; die Tsen, die Krieger-Geister, sind in der Farbe rot; die Mamo, gewalttätige weibliche Geister sind in der Farbe schwarz und entsprechen den indischen Matrikas; die Gyalpo, störende Geister der toten Krieger und Mönche, sind in der Farbe weiß; und die Za sind vielfarbige Geister, die mit Elektrizität und so weiter verbunden sind.

 

Und in Bezug auf die Darbringung des eigenen materiellen Körpers für die Lebewesen der sechs Bereiche, werden damit auf jeden Fall all unsere karmischen Schulden bezahlt, die wir anderen schuldig sind, wie zum Beispiel, wenn wir andere fühlende Wesen in einem früheren Leben im Verlauf eines Krieges oder bei der Jagd nach Nahrung getötet haben. So hat man insgesamt alle eigenen karmischen Schulden, die bis zur heutigen Zeit angesammelt wurden, zurückgezahlt. Darüber hinaus hat man, durch ihre Teilhabe an unserem eigenen Fleisch, in all diesen weltlichen Wesen die Ursache für deren folgende Verwirklichung der Buddhaschaft gegründet. Jetzt hat man irreparable karmische Verbindungen mit diesen und wenn man Befreiung und Erleuchtung erlangt, wird man in der Lage sein, diesen ebenfalls innerhalb unseres spirituellen Betätigungsfeldes, zu helfen.

 

Denkend, dass der illusorische Körper, welcher unser materieller Körper ist, als das gesamte Ergebnis von seinem Karma aus Vergangenheit bis zu diesem Leben jetzt, als Opfer angeboten wird, welches zu einer großen Masse von Geschenken und Gaben wird, macht man diese Darbringung durch das Rezitieren der folgenden Liturgie von einem einfachen Text zu einer Ganachakra-Puja. Dies wurde als «vereinfachte Version» angekündigt. Ich denke aber, dass wenn es als Vorbereitende Übung Chöd-Praxis heißt, dann sollte es auch eine solche geben. Gibt es, ist aber wieder ein anderes Buch. Die Sadhana daraus folgt im Anschluss. Aber erst einmal möchte ich hier noch diese Ganachakra-Puja vorstellen.

 

 

Ganachakra-Puja

Nun, ich denke, dass der folgende kurze Text theoretisch 100.000 Mal, entweder auf Tibetisch oder auf Deutsch, wiederholt werden kann, wenn ich diese Anweisung auch nirgendwo fand.

 

Folgende Verse, bekannt als «Die Darstellung der Worte für die Darbringung des eigenen Illusorischen Körpers als Ganachakra-Puja», werden hierfür vorgeschlagen:

 

KYE HO!
DAK LU TSOK SU BUL LO ZHE SU SOL
YAN LAK ZUK ZHI TAN JID GYED PUR TSUK
THOD PA RIN CHEN YANG PE ZED ZHAL DU
SHA TRAK DROD UK PAK TSIL CHU GYU KANG

 

KHAM DANG KYE CHED TSA DANG YAN LAK CHE
WANG PO WANG TEN NANG TROL DON NOD DANG
KENG RU SO SEN TRA DANG BA PU TSOK
DANG NYIK KHU WA SUM DU RAB PEL NE

 

ZAK CHE MAN PE LU DI YON DU BUL
KHYED KYI TA GONG NYAM TOK KHYAD PAR CHAN
DAN TA NYID DU DAK LA TSAL DU SOL
BU LON LAN CHAK MA LU DI JYANG NE

 

NOD JYED KUN KYANG JYANG SEM CHOK THOB SHOK
MIK MED GYA CHER NGO WE SOD NAM KYI
DRO NAM DAK TE CHING PA DROL GYUR CHIK

 

KYE HO!
Ich bringe Euch allen meinen eigenen Körper als Ganachakra-Puja dar:
Ich bete, dass Ihr diese Darbringung akzeptiert!
Meine Glieder sind fest in den Boden gepflanzt,
Sie bilden eine Feuerstelle, die stabil und leuchtend lodernd ist.

 

Nachdem in diesen riesigen Kessel, der mein eigener kostbarer Schädel ist,
Alles von meinem Fleisch, Blut, Wärme, Atem, Haut, Fett, Wasser, Sehnen und Knochenmark geworfen wurde,
Alle meine Elemente und meine Sinnes-Felder, sowohl Wurzel als auch Stamm,
Gemeinsam mit meinen Sinnesorganen und der Unterstützung von meinen Sinnen,
Sowie meine Eingeweide, meine inneren Organe und meine inneren Hohlräume, die Behälter sind,
Meine Knochen, Zähne, Fingernägel, Kopfhaar und die Massen meiner Körperhaare,
Sowie meine Körperflüssigkeiten, sowohl die reinen als auch die unreinen,
Und alles davon auf die Größe des gesamten dreitausend-fachen Universums erweitert wurde,
Biete ich alles von diesem minderwertigen und verschmutzten physischen Körper als Rückzahlungen für meine karmischen Schulden in der Vergangenheit an.

 

Und im Gegenzug bitte ich um die Sicht und die Betrachtung, sowie um die besonderen Erfahrungen und um das Verständnis;
Ich bete, dass mir dies in diesem Moment gewährt wird!

 

Dadurch, dass ich mich mit dieser Darbringung gereinigt habe, sind alle meine karmischen Schulden und Verpflichtungen zurückgezahlt,
Mögen alle Geister, die einen Schaden verursachen nun dazu kommen, den Gedanken der höchsten Erleuchtung zu verwirklichen!
Und weil der Verdienst hiervon ohne Konzepte gewidmet ist,
Möge ich nur durch meinen bloßen Blick dazu kommen, die gleichen Wesen aus ihrer Knechtschaft zu befreien!